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Rose of Versailles

05. Februar 2013

Rose of Versailles dürfte zumindest den meisten älteren deutschen Anime-Interessierten noch als «Lady Oscar» im Gedächtnis sein. Es handelt sich dabei um eine Adaption der gleichnamigen Manga-Serie von Riyoko Ikeda.

Auf den ersten Blick fällt vor allem die visuelle Nähe zu Revolutionary Girl Utena auf. Das ist natürlich nicht ganz richtig, denn «Versailles no Bara» gab es zuerst. Dennoch ist die Ähnlichkeit frappierend: Mädchen in ‹Jungskleidung›, Militäruniformen und Rosen überall.

Mit 14 Jahren wird Oscar François de Jarjayes, die von ihrem Vater «wie ein Junge aufgezogen» wurde, zunächst widerwillig Kommandantin der kaiserlichen Leibgarde. Ihre Aufgabe ist es vor allem, die Kronprinzessin Marie Antoinette zu beschützen. Die Handlung deckt dabei grob die Jahre von Antoinettes Verheiratung mit Louis XVI. bis zum Sturm auf die Bastille ab. Durch die verschiedenen Figuren eröffnen sich jeweils unterschiedliche Perspektiven auf die Geschehnisse.

Etliche Charaktere basieren auf tatsächlichen Persönlichkeiten, bei deren Ausgestaltung sich die Serie allerdings einige Freiheiten nimmt. Statt historischer Genauigkeit wartet der Anime mit gelegentlichen Erklärungen zu Fakten und einem Ausblick auf zukünftige Ereignisse auf. Die Möglichkeit, sich heimlich über eine ‹entdeckte› Person zu freuen, geht damit indes verloren.

Die Animationen sind, falls sie es überhaupt je waren, heute absolut nicht mehr zeitgemäß. Jedoch ist das ein Detail, das nur wenig stört; immerhin soll hier eine Geschichte erzählt werden. Die Qualität der Zeichnungen kommt vor allem bei detailreichen Kleidern und wallendem Haar zum Vorschein. Hier wird das Shoujo-Klischee nicht nur ausgefüllt, sondern sich gleich ein warmer Nistplatz darin gemacht. Und: Fast unmerklich werden die Charaktere während des Schauens älter.

Von Hauptfigur Oscar sieht man zu Anfang erstaunlich wenig. Stattdessen konzentriert sich die Handlung zunächst hauptsächlich auf die Dauphine und ihre Beziehung zu weiteren Figuren wie Madame du Barry und Hans Axel von Fersen. Erst später rückt die namensgebende Protagonistin mehr in den Fokus des Geschehens. – Nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass sie ursprünglich gar nicht als Hauptcharakter konzipiert war.

Vor dem geschichtlichen Hintergrund entfaltet sich eine shoujo-typische Geschichte um Liebesbeziehungen aller Art (jedoch meist tragische) und allerlei persönliche Dramen. Ein weiteres Thema ist das Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlicher Pflicht und den eigenen Wünschen. Dies zeigt sich gleich zu Anfang in der Aufforderung, der königlichen Leibgarde beizutreten. Gesellschaftlich gesehen eine große Ehre für Oscar, auf die sie aber eigentlich gar keine Lust hat. Zwar lehnt sie sie daher auch zunächst ab, beugt sich letztendlich aber doch – wenngleich, wie sie selbst sagt, aus persönlichen Gründen. Dennoch gerät sie auch im weiteren Handlungsverlauf immer wieder mit ihrer Position in Konflikt:

Immer wieder sieht sie sich im Widerstreit zwischen ihrem Mitgefühl für Antoinette und dem Verständnis für die Aufgebrachtheit des Volkes. Die Folgen dessen sind ziemlich bald nicht nur für das Publikum absehbar. Obwohl Oscar die höfischen Gepflogenheiten ablehnt, gewährt sie der Königin zunächst das, was sie sich selbst verwehrt: (naive) Sorglosigkeit und Hedonismus. Die Resultate dieser Schonbehandlung bringen Antoinette nicht nur bei der Bevölkerung, sondern zunehmend auch beim Adel in Verruf. Obgleich dies auch die restliche Königsfamilie unweigerlich ins Verderben führt, kann Oscar es allzu häufig doch nicht über sich bringen, die Königin mit der Realität zu konfrontieren.

Dieses Motiv zieht sich durch die komplette Serie und zeigt sich auch in den Nebencharakteren. Auch sie sind im Spannungsverhältnis von gesellschaftlichen Zwängen und ihrer persönlichen Freiheit gefangen.

Vor allem zu Beginn wirken einige Details dabei überzeichnet. Madame du Barry kann eben nur soundso oft ihre halbe Einrichtung vor Wut zerstören, bevor es lächerlich wirkt. Die Protagonisten selbst sind zunächst noch ziemlich klar in ‹gut› und ‹böse› unterteilt. Mit der Zeit verschwimmt diese Grenze jedoch. Dies reflektiert auch Oscars Entwicklung vom Kind zur Erwachsenen: je mehr sie versteht, desto mehr versteht der Zuschauer.

Marie Antoinette, die anfangs recht zweidimensional daherkommt, gewinnt durch die glaubhafte Darstellung ihres – kindlichen – Umgangs mit der viel zu frühen Heirat an Tiefe. Ja, sie ist unreif und mitunter trotzig. Aber das ist angesichts der Umstände zumindest nicht völlig unverständlich. Eine Sympathieträgerin wird sie deshalb allerdings nicht – auch wegen ihrer Ignoranz den Auswirkungen ihres Handelns gegenüber.

Trotz der Offensichtlichkeit, mit der die Königin ihr Land auf eine Katastrophe zusteuert, kann Oscar sich zunächst nicht dazu durchringen, ihre Kritik gegenüber dem Vorgehen der Herrschenden zum Ausdruck zu bringen. Bis zum Ende wird sie diese auch nicht mehr artikulieren (können) – einzig die Rebellion bleibt ihr.

Die Übereinstimmungen mit «Shoujo Kakumei Utena» sind übrigens nicht nur rein optischer Natur: Neben ihrer Vorliebe für ‹Männerkleidung› und Fechten haben sich beide dem Beschützen einer ‹Prinzessin› verschrieben. Und, was ich wohl nie verstehen werde: (nahezu) alle anderen Charaktere schwärmen für sie. Die Enden könnten unterschiedlicher jedoch nicht sein.

Natürlich ist Oscars ganze Existenz im Grunde anachronistisch. Eine Frau wäre niemals so leicht als Kommandantin einer militärischen Einheit akzeptiert worden, auch (oder gerade?) nicht unter Adligen. Das ist in dieser Form durchaus progressiv. Was weniger progressiv ist, ist der Umstand, dass auch «Lady Oscar» nicht ganz darum herum zu kommen scheint, die bekannte Geschlechterdychotomie zu reproduzieren anstatt sie zu hinterfragen.

So gibt es eine Szene, in der André einen Seufzer vernehmen lässt. Oscar teilt ihm darauf hin mit, dass Seufzen «unmännlich» sei. Dies lässt zwei Schlüsse zu:

1. Seufzen ist etwas ‹objektiv› schlechtes – unabhängig vom Geschlecht. Durch die Verknüpfung mit seiner ‹Männlichkeit› möchte Oscar André dazu bringen, es nicht mehr zu tun. Dadurch ergibt sich verkürzt ‹Männlichkeit› = gut, Verlust von ‹Männlichkeit› = schlecht.

2. Seufzen an sich ist neutral, aber nicht (typisch) ‹männlich› und damit trotzdem nicht wünschenswert. Oscar hat also kein ‹Problem› mit dem Seufzen an sich, möchte aber, dass André sich ‹geschlechtskonform› verhält. Geschlechternormen ersetzten hier also rationale Maßstäbe. Aber warum soll sich jemand nicht auf eine Art verhalten, obwohl sie an sich nicht negativ ist?

Nicht, dass hier etwas spezielles zu erwarten gewesen wäre. Gefreut hätte es mich dennoch.

Was jedoch viel mehr als alles andere stört, ist die Beziehung zwischen Oscar und André. Während ihre Zuneigung zu Fersen keinerlei Widerwillen auslöst, ist es weitaus schwieriger, sich mit ihrer Liebe André gegenüber anzufreunden. Dies liegt weniger darin begründet, dass Oscar durch ihre vorangegangene Charakterisierung nicht als Teil einer Liebesbeziehung vorstellbar wäre, als dass die ganze Konstellation gegen Ende der Serie zunehmend unglaubwürdig wirkt.

Woher kommt dieser Eindruck? Obwohl es offensichtlich ist, dass André in Oscar verliebt ist, kommt das ganze im Plot erst relativ spät zum Tragen, nämlich nachdem Oscar Fersen aufgegeben hat. In diesem Zusammenhang kommt es zu einem Vorfall, bei dem André drauf und dran ist, Oscar zu vergewaltigen (viel zu sehen ist dabei nicht). Abgesehen davon, dass ihn das als Charakter plötzlich vollkommen anders wirken lässt, gibt es in Bezug auf Oscars nachfolgendes Verhalten nur zwei Möglichkeiten: es macht sie entweder unglaubwürdig oder unsympathisch.

Ob es tatsächlich unglaubwürdig ist, liegt sicherlich im Auge des Betrachters. Mir zumindest fehlt jegliches Verständnis für die Zuneigung zu einer Person, die die eigene Autonomie auf solch entscheidende Weise missachtet. Das soll aber jeder für sich entscheiden – unsympathisch wird Oscar mir dadurch in jedem Fall.

Hinzu kommt die Art, wie sich Oscar in Bezug auf André im Anschluss an ihre &lsa;aufgelöste› Liebe verhält. Ganz plötzlich bezeichnet sie sich nur noch als «Andrés Frau» und unterminiert ihre gerade noch demonstrierte Entschlossenheit in Bezug auf ihr eigenes Aufbegehren und den Anschluss an die Revolutionäre dadurch, dass sie jegliches Handeln von ihrem «Ehemann» abhängig macht.

All dies führt dann leider auch zu einer eher geringen Begeisterung für das Ende, das ansonsten handlungstechnisch sehr passend – wenn auch im Prinzip vorhersehbar – ist.

«Rose of Versailles» ist kein vielschichtiges Meisterwerk, und wenn doch, ist mir das vollkommen entgangen. Aber es ist gut gealtert.

Von ‹guten› und ‹schlechten› Mädchen

11. Juli 2012

(Die Idee zu diesem Post verdanke ich übrigens dem Artikel «I’m not like other Girls».)

Wer kennt es nicht*: Antworten der Art «Du bist eben nicht wie andere Mädchen.», wenn eine Betroffene auf verallemeinernde Aussagen über Menschen des weiblichen Geschlechts hinweist. Fast noch häufiger scheint diese Aussage aber von der ‹Gegenseite› zu kommen: «Die anderen Mädchen sind $so; ich bin anders

Was bedeutet diese Aussage eigentlich? Und ist das hilfreich?

Dazu möchte ich im Vorfeld anmerken, dass sich Aussagen dieser Art meistens auf Stereotypen und Verallgemeinerungen – u.U. eben sexistischer Natur – beziehen. Möglicherweise gibt es auch andere Kontexte, ich jedoch beziehe mich hier nur auf diesen.

Was ist nun also die Grundaussage einer solchen Antwort auf eine Verallgemeinerung? «Die Verallgemeinerung stimmt, ich bin nur die regelbestätigende Ausnahme.» Von einer Person, die die ursprüngliche Behauptung verteidigen will, kann ich das noch verstehen – was natürlich erstmal nichts über den Wahrheitsgehalt selbiger aussagt. Warum aber postuliert man auch Stereotype, die einen selbst in einen Topf schmeißen, dem man sich nicht zugehörig fühlt? Das ist einerseits unsozial, da man Andere ‹opfert›, um sich selbst aus der Affaire zu ziehen, und verkennt andererseits das Grundproblem.

Ich habe dazu eine Theorie. Wenn man mit einer Generalisierung konfrontiert wird, die einem selbst nicht gefällt – sei es nun, weil sie schlicht nicht zutrifft oder sogar beleidigend ist – so hat man mehrere Möglichkeiten: Man kann einerseits die Praxis der Klischeereproduktion selbst kritisieren, also sowohl Grundaussage als auch Einordnung ablehnen. Dies ist vermutlich die aufwendigste Variante, die gleichzeitig am wenigsten Verständnis ernten wird. Behandeln wir sie daher hier erstmal nicht im Detail. Andererseits kann man das reproduzierte Klischee selbst kritisieren, ohne jedoch den Wahrheitsgehalt von klischees an sich zu hinterfragen. Das ist natürlich ebenso legitim, aber auch schwierig, da hier häufig mit Statistiken oder anekdotischen Beweisen gekontert wird. Das dahinterstehende Prinzip wird in diesem Fall nicht angetastet.

Zudem wird in beiden Fällen die betroffene Person als Beschwerdesteller aufgefasst, die Gegenseite fühlt sich womöglich noch beleidigt und geht in die Defensive.

Aber vor allem muss man die Tatsache anerkennen, grade stereotypisiert und ggf. beleidigt worden zu sein. Man wurde grade in eine Schublade gesteckt. Eine, die einem nicht gefällt – vielleicht, weil man sich selbst so nicht empfindet; vielleicht, weil man so nicht sein möchte; vielleicht sogar, weil man deren ‹Inhalt› als negativ empfindet. Möglicherweise ist diese Schublade mit einer Eigenschaft beschriftet, die man gar nicht ablegen kann – man kann sich also gar nicht direkt gegen diese Einsortierung wehren.

Insbesondere bei verallgemeinernden Aussagen in Bezug auf Dinge, für die man nicht verantwortlich ist, scheint mir dies schwierig zu sein. Dazu kommt dann noch der Hintergrund der Aussage – was hat überhaupt dazu geführt, dass jemand dieser Ansicht ist? Des weiteren kommen dann noch Erfahrungen, die der/die Betroffene selbst schon gemacht hat – die vielleicht sogar das Klischee bestätigen und damit keine gute Grundlage für Gegenargumente oder andersartige Beispiele bieten – hinzu.

Da hingegen ist es auf den ersten Blick viel einfacher, sich einfach aus der genannten Menge auszuklammern: man vollführt einen No true Scotsman. «Die reden gar nicht von mir.» Denn das ist leicht. Man muss nicht widersprechen oder sich überhaupt erst angesprochen fühlen (wer wird schon gern herabgesetzt), ist aber gleichzeitig aus dem Schneider in Bezug auf die geäußerte Behauptung. Könnte es sich dabei also um schlichtes Selbstschutzverhalten handeln?

Leider ist diese Taktik nur begrenzt hilfreich. Einerseits verhindert sie nicht die zukünftige Einteilung von Menschen in Schubladen oder die Zuschreibung von Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen anhand damit nicht in Zusammenhang stehender Eigenschaften oder weist den Sprecher überhaupt darauf hin. Andererseits unterstützt es sogar noch das dahinterstehende Weltbild, nachdem das Klischee ja offensichtlich stimmt. Und wenn man eine Gruppe herabsetzt, der man nicht angehört, ist das ja (gefühlt) gar nicht so schlimm – die sind schließlich ‹wirklich so› (und haben selbst schuld, wenn sie eben ‹schlecht› sind).

Ebenfalls problematisch ist, dass auf diese Weise suggeriert wird, die Grundannahme sei korrekt und eine Hinterfragung, warum eventuell vorhandene statistische Prävalenzen existieren, verhindert wird.

Und letztendlich begünstigt es eine Einteilung von Menschen – in diesem Fall weibliche – in ‹gut› und ‹schlecht›. Wobei paradoxerweise die ‹guten› aber gar nicht «wie Mädchen» sind, da sie ja dem Klischee widersprechen – in diesem Zusammenhang etwas positives. Woraus sich dann womöglich noch die Aussage ergibt, (stereotyp) ‹mädchenhaftes› sei schlecht.

Meiner Vermutung nach steckt noch etwas hinter dieser Abgrenzung: Selbst unter vielen Mädchen ist es mittlerweile verpönt, ein ‹Mädchen› (oder zumindest ‹mädchenhaft›) zu sein. Nach dem Motto: «Mädchenhafte Mädchen sind schlecht, weil mädchenhaft schlecht ist.» (siehe dazu auch dieses Zitat aus Der Zementgarten) Aber was ist eigentlich «mädchenhaft»?

Die Sache ist, dass es hierbei keine Gewinner geben kann. Auch für die im konkreten Fall nicht ‹angegriffene› Gruppe sind Stereotype letztendlich negativ, da sie Gegenstereotype hervorrufen oder mit wohlwollender Diskriminierung verknüpft werden und das alles insgesamt einen Nährboden für diskriminierendes Verhalten erzeugt und bereitstellt. Außerdem bedroht Diskriminierungsfreiheit der einen Seite ohnehin nicht automatisch die andere. Das ist vor allem auch deshalb blöd, weil es meistens von denjenigen ausgeht, die eigentlich hauptsächlich davon betroffen sind.

Da stellt sich doch die Frage: Will ich das? Will ich das mich beleidigende, herabsetzende oder diskriminierende Stereotyp bestätigen? Will ich andere Menschen in der gleichen Weise behandeln, wie es grad mit mir geschehen ist? Will ich zulassen, dass dies durch andere geschieht?

(Ich will hier übrigens niemanden beleidigen oder pauschal beschuldigen. Ich glaube, niemand ist davor gefeit, sich mal in einer Art zu äußern, die dem oben genannten oder einem anderen negativen Schema entspricht. Deshalb ist – sofern es nicht mit Absicht passiert ist – aber noch niemand ein schlechter Mensch. Jeder macht Fehler. Die Frage ist, wie man damit umgeht, wenn man darauf hingewiesen wird oder sie selbst bei sich erkennt.)

* Ich will natürlich nicht anzweifeln, dass es Menschen gibt, die diese Erfahrung nicht gemacht haben. Ich habe sie schon häufiger gemacht, auch und insbesondere im Netz.

GitHub & Flattr

11. Mai 2012

Auch wenn ich hier ja eher selten was poste und trotz meiner generelleren Mitwirkarmut an diesem Internet (und dem kompletten Rest) habe ich mir vor kurzem jeweils einen Account bei GitHub sowie einen bei Flattr eingerichtet.

Warum das alles? Gute Frage. Hauptsächlich vermutlich Neugier – ich will das ganze jetzt auch mal ausprobieren. Vielleicht war der Drang, den (nicht immer vorhandenen) Flattr-Button unter manchen Texten zu drücken, auch einfach zu groß. Außerdem hoffe ich ja insgeheim, dass mich vor allem der GitHub-Account ein bisschen anspornt, dort irgendwann auch mal was sinnvolles zu veröffentlichen.

Dieses Gender-Ding

23. Dezember 2011

Ja, ich schreib jetzt was zu dem Thema. Pech gehabt!

Zunächst mal möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich – vor allem anfangs – immer eine starke Ablehnung gegenüber diesem Thema hatte, die sogar stärker wurde, je mehr Leute versucht haben, es in den Vordergrund zu rücken. Mittlerweile kann ich dieses reflexartige Ablehnungsbedürfnis etwas besser zügeln und möchte daher versuchen, herauszufinden, wie es dazu kommt. Auch, aber nicht nur, weil ich dieses Verhalten auch bei anderen bemerkt zu haben glaube und dem Eindruck erliege, es könnte dem allgemeinen gegenseitigen Verständnis eventuell entgegen kommen, es zu verstehen.

Meine Probleme mit der sogenannten Gender-Debatte sind zahlreich. Da sind zum einen die Debatte an sich sowie die Art, wie sie geführt wird, und dann noch die Leute, die sie führen. Alles soll hier Platz finden und ich hoffe, ich schaffe es, diesen einigermaßen strukturiert zu verteilen.

Vorweg: Ich beziehe mich hier hauptsächlich auf den Teil der Debatte, der meinem Eindruck nach auch das Gros der Diskussion ausmacht und sich mit Sexismus – d.h. Diskriminierung, also Unterscheidung, aufgrund des Geschlechts, von Geschlechtsmerkmalen oder traditionellen Rollenbildern – befasst.

Mir persönlich sind dabei hauptsächlich zwei Arten (oder Ausprägungen) von Diskriminierungen bekannt, zwischen denen zu unterscheiden ich hier für sinnvoll halte. Zum einen ist da die durch Regeln gestützte Bevorzugung eines Geschlechts (und damit die Benachteilgigung der übrigen). Damit meine ich hauptsächlich solche, die auf gesetzlichen oder auch anderen Bestimmungen beruhen; ein Beispiel hierfür wäre, wenn nur Männer (oder nur Frauen) das Wahlrecht hätten. Diese soll hier als politische oder rechtliche Diskriminierung oder Gleichberechtigung bezeichnet werden.

Die andere wäre eine gesellschaftliche, die sich nicht in expliziten ‹Regeln› oder offiziellen Gesetzen äußert, aber beispielsweise bestimmte Erwartungshaltungen oder Rollenbilder festigt oder aber schlichtweg sexistisches Gedankengut bezeichnet. Obigem Beispiel folgend wären das die Ablehnung des Wahlrechts für eine bestimmte Geschlechtergruppe, Ansichten wie «Frauen sollten nicht wählen», «Wählen ist was für Mädchen», «als Mann/Frau/… sollte ich mich nicht mit Politik beschäftigen» oder «es gehört sich für mich als X/Y, das zu wählen, was mein Partner/Elter/irgendwas sagt» (es gibt noch tausend andere Beispiele, aber ich schätze, es ist klar, was gemeint ist).

Wie man vielleicht sieht, unterscheidet sich diese Art wiederum in bewusste Diskriminierung und un(ter)bewusste Erfüllung/Auslebung eines Rollenbilds. Ich werde versuchen, auch darauf an den gegebenen Stellen einzugehen. Die beiden Varianten werde ich ansonsten unter gesellschaftliche Diskriminierung/Gleichberechtigung zusammenfassen.

Kommen wir wieder zurück zu mimimi meiner Kritik, wenn man es so nennen möchte.

Als Anfangsbetrachtung möchte ich hier einmal erwähnen, dass ich mich als der Gleichberechtigung aufgeschlossene, zugetane und sogar von ihr als ethisch richtig überzeugte Person betrachte (andere Leute mögen das mitunter anders sehen, aber darauf kommt es an dieser Stelle noch nicht an). Trotzdem habe ich es sehr lange abgelehnt, mich mit diesem Thema überhaupt zu befassen – es ging sogar soweit, dass ich schon fast aggressiv wurde, wenn es überhaupt erwähnt wurde. Die Frage ist nicht nur, wie es dazu kommt, dass jemand, der den Gleichberechtigungsgedanken keineswegs abzulehnen meint, diese Abneigung gegenüber der Befassung damit entwickeln konnte, sondern auch, ob es anderen, die sich ähnlich verhalten (und die Tatsache, welche Reaktionen Äußerungen in Richtung «Gender» für gewöhnlich nach sich ziehen, scheint mir recht offensichtlich nahezulegen, dass ich nicht die einzige Person bin, der es so geht), ähnlich ergeht.

Selbstverständlich kann ich nur für mich selbst sprechen. Dennoch will ich nicht ausschließen und halte es im Gegenteil sogar für sehr wahrscheinlich, dass der Großteil der anderen Reflexablehner sich, ebenso wie ich, als Befürworter der Gleichberechtigung versteht. Und grade unter diesem Aspekt ist es vielleicht interessant, sich zu fragen, warum das Thema dennoch so emotional diskutiert und teilweise sogar direkt im Ansatz abzuwürgen versucht wird.

Nun ist es bei mir durchaus nicht so, dass ich im Internet oder gar bei den Piraten das allererste mal mit – mangels besserer Begrifflichkeit schreibe ich es jetzt einfach mal so – feministischem Gedankengut in Berührung gekommen bin. Im Gegenteil: Aus moralischer Sicht schienen mir gleiche Rechte für alle eine Selbstverständlichkeit. Natürlich hatte ich auch von der Benachteiligung von Frauen (und Anderen nicht-männlichen Geschlechts) in der jüngeren und älteren Geschichte gehört. Nachwirkungen davon waren für mich aber selten zu spüren; es wurde vielmehr eher theoretisch darüber geredet.

Zugleich wurden aber auch immer noch bestehende rechtliche Diskrepanzen auf diesem Gebiet offenbar (als Beispiel sei hier die Wehrpflicht genannt). Das schien zumindest erstmal ungerecht. Hinzu kamen dann die ersten Kontakte mit dem, was sich zu diesem Zeitpunkt (selbst) unter dem Begriff Feminismus* zusammenfasste und -fand: Hierbei ging es nicht selten um die Unterstellung (anders kann ich es nicht nennen, da ich zumindest nie etwas solches im eigenen Umfeld kennen gelernt hatte), weibliche Personen bedürften anderer, gesonderter oder gar bevorzugter Behandlung.

Dies war gleich in doppelter Ausführung negativ. Zum einen führte es unbewusst wie auch bewusst zu (gewollter und ungewollter) Übervorteilung einer Geschlechtergruppe aufgrund gewisser Vorurteile oder sonstiger gutmeinender Bestrebungen. Zum anderen wurde einem genau diese Sonderbehandlung implizit und auch explizit häufig vorgworfen – insbesondere, wenn man sich in Bezug auf Gleichberechtigung o.ä. äußerte. Als Beispiel sei hier genannt, dass, wenn sich eine Frau z.B. zu irgendeiner wie auch immer gearteten Benachteilgung äußerte, es quasi sofort hieß, dass sie Ungleichbehandlung in Bezug auf die Wehrpflicht anscheinend nicht störe. Unabhängig davon, dass, bloß, weil irgendwelche anderen (weiblichen) Menschen so dachten, es diese Frau nicht zwangsläufig auch tat; sie es höchstwahrscheinlich genauso wenig ändern konnte und es üblicherweise überhaupt nichts mit dem ursprünglich diskutierten Thema zu tun hatte (zumal die Tatsache, dass ein Problem noch nicht gelöst ist, wohl kaum rechtfertigt, die Lösung eines anderen Problems gar nicht erst zu diskutieren).

Was ich sagen will: Die Ungleichbehandlung führt, egal, wen sie bevor- oder benachteiligt dazu, dass die Position des einzelnen durch sie geschwächt wird.

Diese förderische Behandlung von Mädchen fand (und findet) sich in vielen Bereichen wieder. Sei es nun, dass im Sportunterricht nach Geschlecht und nicht nach Interesse getrennte Spiele gespielt werden; man in nach Geschlechtern getrenntem Unterricht in technisch-naturwissenschaftlichen Fächern gesteckt wird, weil Mädchen angeblich schlechter lernen, wenn sie mit Jungs zusammen unterrichtet werden (finde die Verallgemeinerung!); man für Dinge explizit deshalb rekrutiert wird, weil man weiblich ist (Credo «wir brauchen noch mehr Weibchen auf Position X»); man zu speziellen, traditionell eher dem männlichen Geschlecht zugeschriebenen Interessen und Aktivitäten nach einer «weiblichen» Sichtweise (wtf?) befragt wird.

All das impliziert nicht nur, Mädchen bräuchten spezielle Förderung, weil sie es von sich aus nicht ‹schaffen›, sich gegen Jungs zu behaupten oder gleich gute Leistungen zu erbringen oder… gleichzeitig festigt es auch die Vorstellung, Mädchen seien nun mal anders als Jungs, müssten anders behandelt werden, hätten pauschal eine andere Sicht als diese (aber dann bitte alle die gleiche, oder was?) usw. usf.

Gleichzeitig werden Mädchen dadurch noch dazu genötigt, sich an jeder Stelle beweisen zu müssen, denn es herrscht ja automatisch die implizite Unterstellung, sie könnten nichts, könnten es schlechter als Jungs oder wären überhaupt nur dort, wo sie sind, weil sie bevorzugt werden. Das heißt, man wird als Mädchen nicht nur unaufgefordert gesondert behandelt und mitunter bevorzugt, man muss sich auch noch gegen Vorwürfe dafür verteidigen. Es ist, als würde jemand beleidigt und derjenige müsste dann auch noch rechtfertigen, wie es dazu kommen konnte und warum er das nicht verhindert habe (etwas seltsame Analogie; ich hoffe, ihr könnt mir folgen).

Und genau DAS sind die hauptsächlichen, hervorstechendsten und mich am meisten aufregendsten Ereignisse und Gelegenheiten, die mir in den Sinn kommen, wenn ich «Sexismus» oder ähnliches höre oder darüber nachdenke. In SOLCHEN Momenten fühle ich mich diskriminiert und auf mein Geschlecht reduziert. Und genau dieses Gefühl triggert auch die Frage nach «mehr Frauen in…», Geschlechterquoten, etwaigen Problemen, dem Binnen-I, «Wie interessiert man Frauen für…?»-Fragen und was nicht sonst noch alles. Einiges davon betont ‹nur› das Geschlecht der beteiligten (und unbeteiligten) Personen, anderes stellt eine plumpe Verallgemeinerung der halben (teilweise ganzen) Bevölkerung dar und unterstützt primitives Schubladendenken und ungerechtfertigte Kategorisierungen, welche letztendlich Vorurteile begründen.

Und sollte es bei Gleichberechtigung nicht auch darum gehen, Leute unabhängig ihres (biologischen) Geschlechts zu betrachten? Sollte das Geschlecht nicht eben genau keine Rolle mehr spielen?

Ich glaube, oben von mir zu verbalisieren versuchte Problematik ist es, wenn Leute auf Bemühungen anderer Menschen mit «man kann sich Probleme auch herbeireden (wahlweise: welche machen, wo keine sind)» reagieren. Denn genauso empfinde ich es selbst oft. Es handelt sich also um eine Art Trotzreaktion, die hauptsächlich darauf begründet ist, dass ich das Hervorheben des Geschlechts an sich ablehne und es als Ursprung vieler Probleme sehe.

Damit will ich nicht andeuten, die Gleichberechtigung sei innerhalb der Gesellschaft erreicht. Teilweise gibt es immer noch diskriminierende Gesetze, aber vor allem sozial sind wir noch weit davon entfernt. Neben Menschen, die sich für sexistische Witze begeistern und Mario Barth toll finden, gibt es (natürlich auf beiden Seiten) eine erschreckende Anzahl von Leuten, die ganz ernsthaft von traditionellen Rollenbildern überzeugt sind und diese wie selbstverständlich auszufüllen suchen. Dies kann sich so ausprägen, dass sie das andere Geschlecht für in irgendeiner Weise minderwertig halten oder aber schlichtweg meinen, eine oder beide Seiten seien genetisch in gewisser Weise zu bestimmten Handlungsweisen oder auch Begabungen vorgeprägt. Und es gibt Leute wie mich, die sich für von solchen Gedankengängen nicht betroffen gehalten haben.

Aber bin ich das wirklich? Spoiler: Nein, bin ich nicht. Auch ich habe mich – vor allem in letzter Zeit – oft dabei erwischt, in die alte Rollenfalle zu tappen. Damit meine ich nicht unbedingt mein eigenes Verhalten oder die Beurteilung anderer Menschen, aber zum Beispiel die schlichte Einordnung gewisser Handlungsweisen.

Das ist übrigens auch wieder eins der Probleme, die ich u.a. mit dem sog. Feminismus, aber auch mit sexistisch geprägten Weltbildern habe. Dort gibt es ja bekanntlich Vorstellungen à la «Frauen tun X» und «Männer sollten Y» und ähnliches mehr. Dadurch, dass man nun nahezu zwangsläufig einem der beiden Geschlechter angehört, wird man in seinem Leben immer mal wieder in eine dieser beiden Rollen gedrängt.

Natürlich kann ich das ganze nur aus meiner Perspektive beurteilen, aber ich habe in Bezug auf geschlechtsspezifische Dinge häufig folgende Erfahrung gemacht: Wenn ich etwas nicht kann, das für mein Geschlecht als un- bzw. für das andere als typisch gilt, liegt mein Unvermögen an meinem Geschlecht. Gleichzeitig repräsentiere ich plötzlich alle anderen Vertreter dieses Geschlechts und untermauer somit auch noch das Vorurteil, das ich gerade beschrieben habe und bringe den ‹Rest› durch mein Unvermögen sozusagen zusätzlich noch in eine prekäre Lage.

Gut in etwas zu sein, das nicht meinem Rollenbild entspricht, ist dagegen fast selbstverständlich eine Auszeichnung.

Kann ich hingegen etwas, das für mein Geschlecht typisch ist, ist das irgendwie auch wieder nicht gut, weil es natürlich wieder das Klischee zementiert. Ich neige sogar häufig dazu, es (bei mir selbst!) allein deshalb als minderwertig anzusehen, weil es eben nun mal als typische Eigenschaft dieses Geschlechts gilt. Sprich: Eigenschaften meines Geschlechts = minderwertig. Dazu sollte erwähnt werden, dass ich niemals bewusst eine andere Person aufgrund solcher Fähigkeiten oder Eigenschaften abgewertet habe und mir auch nicht einfiele, warum ich das tun sollte. Warum also bei mir selbst? Warum fühle ich mich genötigt, einem Klischee zu widersprechen? Und warum führt dieser Widerspruchswunsch dann auch noch dazu, dass ich gewisse Eigenschaften (an mir) als minderwertig empfinde?

Kommen wir nach diesem kurzen Exkurs nun dazu, was mich daran stört, wie die Debatte geführt wird. Da ist zunächst mal die Art, wie das Thema überhaupt an andere herangetragen wird.

Das wird meistens in der oder einer ähnlichen Art getan, wie ich oben die Erstkontakte zu Gleichberechtigungsbestrebungen innerhalb der Gesellschaft beschrieben habe. Sprich: Es wird erstmal ein Unterschied zwischen Jungs und Mädchen herbeigeredet, im schlimmsten Fall sogar pauschalisiert und betont. Da ich genau dieses Gebaren als Sexismus und diskriminierend empfinde, setzt es bei mir dann leider häufig schon aus, so dass es extrem schwierig ist, noch inhaltlich an mich heranzukommen. Das mag unreif sein und nicht unbedingt für mich als Mensch sprechen, aber so ist es vorerst einmal und mit emotionalen Reaktionen muss man immer rechnen; insbesondere, wenn man anderen ein kontroverses Thema nahebringen will (zur Verteidigung der Gegenseite: konnte die ja nicht wissen, dass das ganze so kontrovers ist).

Dann kommen noch Randerscheinungen wie das sogenannte «Gendering» von Texten, die Forderung von Quoten oder auch die Begründung von irgendwas außer Kinderkriegen und dergleichen (im besten Fall noch Qualifikation – wtf?!²) mit «weil ich eine Frau bin» hinzu, die mich extrem schnell und leicht unsachlich werden lassen. An dieser Stelle könnte eine längliche Darlegung stehen, warum ich beides für (polemisch ausgedrückt) mehr oder minder groben Unfug halte, aber der Post ist, glaube ich, bereits lang genug. Aber vielleicht werde ich das bei Interesse mal nachreichen.

Schlussendlich seien noch die involvierten Personen erwähnt. Nun kenne ich die meisten nicht näher und kann daher nur oberflächlich, wenn überhaupt, beurteilen, um was für Menschen es sich handelt. Aber ich kann zumindest beschreiben, welchen Eindruck sie auf mich machen.

Da fällt einerseits auf, dass der Großteil biologisch weiblich ist. Nun, das ist an sich nicht schlimm – es kann ja auch niemand etwas für sein Geschlecht – und es gab durchaus auch männliche und weitere Vertreter; nur leider ist es eben schwierig, das Thema Gleichberechtigung, bei dem es mir besonders wichtig erscheint, so viele Menschen wie möglich einzubeziehen, vernünftig zu diskutieren, wenn so viele nicht mit einbezogen sind (wobei ich nicht unterstellen will, dass dabei absichtlich jemand ausgeschlossen wird – vielmehr denke ich, ein Großteil der Personen wird aus oben aufgeführten und noch zu nennenden Gründen von der Teilnahme abgeschreckt).

Ich meine aber zumindest, beobachtet zu haben, dass sich diese Menschen auch auf eine gewisse Art verhalten, sei es nun durch Ausdrücke, Diskussionskultur oder anderes, mit der ich mich persönlich so wenig identifizieren kann, dass ich nicht mit ihnen zusammenarbeiten möchte. Ja, richtig, ich fühle mich unter diesen Menschen nicht wohl, nicht zugehörig und ich habe den Eindruck, dass meine Sicht der Dinge nicht relevant ist, da sie ohnehin als Blödsinn abgetan würde.

Nun ist mir letzteres nicht unbedingt unbekannt; im Gegenteil. Für gewöhnlich juckt es mich nicht, wenn jemand meine Meinung nicht teilt (das ist üblich) oder der Großteil einer Gruppe anderer Ansicht ist. Das allein hält mich nicht unbedingt von der Teilnahme an einer Diskussion ab. Es ist mehr das vage Gefühl (!), diese Leute interessierte meine Ansicht nur marginal und es ginge primär darum, mich zu überzeugen, dass (im besten Fall noch: warum) ich falsch läge. Ich sehe, meine Formulierung lässt hier zu wünschen übrig, denn genau das ist (leider) nicht unüblich und stört mich bei sonstigen Debatten höchstens oberflächlich. Vielleicht ist es auch die Vermutung, meine Denkweise könne nicht nachvollzogen – oder von mir sogar gar nicht richtig erklärt? – werden, die mich stört. Oder aber die Aussicht, die sinnlose Anstrengung zu unternehmen, ein extrem komplexes Thema aus meiner Perspektive zu beleuchten, ohne, dass es interessiert oder verstanden wird oder jemanden zum Nachdenken anregt, wenn diese ganze Fragestellung meines Erachtens hochgradig fruchtlos zu werden verspricht. Und die Tatsache, dass ich meine Zeit im Zweifelsfall lieber mit Leuten verbringe, deren Ansichten oder Denkweisen den meinen ähneln (nicht notwendigerweise gleichen) und mit denen ich andere, womöglich erbaulichere Themenfelder beackern kann.

Aber wie kann man das ändern, sofern es denn gewollt ist? Gute Frage, offene Antwort. Denn abgesehen von «mehr Personen einbinden» fällt mir dazu nichts konstruktives ein. Dennoch sollte man die Fragestellung meines Erachtens nicht einfach unter den Tisch fallen lassen – insbesondere, da das ganze leider eben doch immer noch aktuell ist, vor allem sozial, und auch innerhalb der Piratenpartei zumindest solange nicht überwunden scheint, wie einige es als Problem ansehen und es zudem nicht möglich ist, ein sachliches Gespräch darüber zu führen, welches die Problemlage näher erörtert.

Was schließe ich also daraus? Hauptsächlich, dass das Thema noch verzweigter und diffiziler ist, als ich vermutet habe; ich höchstwahrscheinlich die Hälfte oder mehr vergessen und ungezählte Male den Faden verloren hab, so dass ich mich jetzt ernsthaft frage, ob dieser Text auch nur im entferntesten nachvollziehbar ist oder überhaupt für irgendwas anderes als die Tonne taugt. Und: Es gibt zu diesem Thema noch so unglaublich viel mehr zu sagen, dass ich angesichts dieses Bergs unwillkürlich kapitulieren möchte.

Aber am allerneugierigsten bin ich auf andere Meinungen, die mir im Idealfall noch dabei helfen, mir selbst darüber klarer zu werden, was ich hier eigentlich zu sagen versuche.

* Allein den Begriff an sich finde ich bereits unglücklich gewählt, da er quasi automatisch impliziert, es drehte sich dabei nur um Frauen. Es ist aber natürlich unlogisch, nur Frauen ‹gleiche› Rechte zuzusprechen, denn der Natur des Wortes nach müssen gleiche Rechte nun mal für alle gleich sein, und das schließt eben Menschen aller Geschlechter ein, weswegen der Begriff, unter den die Bewegung(en) und deren Bemühungen zusammengefasst wird, dies meines Erachtens auch reflektieren und nicht eine oder mehrere Gruppen ausschließen sollte.

Hell

23. September 2011

Angesichts mehrerer positiver Presseartikel, über die ich in letzter Zeit zum Film Hell gestolpert bin, muss ich nun doch nochmal meine Meinung zu dem Regiedebüt von Tim Fehlbaum kundtun. Worum es geht, dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein: Die Sonne scheint – aus welchem Grund auch immer – unnachgiebig, es ist heiß, Spuren der Zivilisation wie auch Rohstoffe gibt es nur noch spärlich. Leider sieht man vor allem von der im Titel angekündigten Helligkeit insgesamt nur recht wenig, da der Großteil des Films nachts oder in einem trüben Zwielicht spielt. Einerseits verständlich, da man ansonsten vermutlich nicht allzu viel erkennen könnte (und vor allem ständig die Charaktere verwechseln würde). Auch nicht unbedingt unästhetisch, nur sind verwaschene blaugraue Bilder nicht eben bahnbrechend innovativ. Zudem gibt es auch nur spärlich verteilte Totalaufnahmen, so dass einem das ‹große Ganze› insgesamt eher verschlossen bleibt und es höchstens bis zu einer diffusen Idee, die man sich aus diversen, im Vorfeld gelesenen Beschreibungen zusammengestückelt hat, reicht. Schade.

Nachdem ich das nun mit möglichst umständlichen Bandwurmsätzen (sorry~) geklärt hätte, kommen wir zu den anderen Aspekten des Films. Zunächst einmal wären da die Charaktere. Diese bleiben anfangs recht flach (nur Phillip darf sich etwas unbeliebt machen), mutieren aber auch später nicht mehr zu übermäßig tiefgründigen Persönlichkeiten. Vielleicht bezeichnend, dass Tom für mich nicht nur der interessanteste, sondern auch sympathischste Charakter war. Denn viel Screentime hat der arme Junge nicht unbedingt spendiert bekommen.

Marie erschien mir als Hauptfigur nur teilweise nachvollziehbar. Ebenso wenig konnte ich mich durchweg für ihr Schicksal erwärmen, obwohl sie zumindest in keine grobe Charakterfalle (Zickigkeit, «Damsel in Distress»-Anwandlungen oder ähnliches) tappt. Leonie hingegen wirkt eher wie ein etwas miesepetriger MacGuffin. Oder so. Aber damit habe ich im Großen und Ganzen kein Problem – letztendlich können jüngere Geschwister wie auch kleine Kinder in Filmen viel, viel nerviger sein.

Die Story haut mich, wie auch der Rest der Mischung, nicht unbedingt vom Hocker. Sie ist aber auch nicht schlecht. Die Art des Films verleitet mich zu der Annahme, um sie gehe es hier sowieso weniger. Schließlich heißt das Setting Postapokalypse – wen interessiert da noch der Plot! Andere Vertreter des Genres (ist das überhaupt ein Genre?) haben gezeigt, dass man dieses Metier auch (fast) ohne rocken kann. Aber um die soll’s hier nicht gehen.

Erwähnenswert wäre noch, dass sich der Streifen für eine deutsche Produktion überraschend (und irgendwie erfrischend) ‹undeutsch› anfühlt. Rein optisch als auch inhaltlich. Dass die Schauspieler Deutsche sind, merkt man natürlich irgendwie. Aber wie sollte man das auch nicht? Sie sprechen ja deutsch.

Insgesamt bin ich mir nicht sicher, ob ich vom Film wirklich enttäuscht sein soll. Er war nicht schlecht. Nur eben auch nicht wirklich gut. Die Möglichkeiten des Szenarios werden meiner Meinung nach aber nur leidlich ausgeschöpft, obwohl der Film keineswegs trashig daherkommt. Optisch ist das ganze zwar stimmig umgesetzt, es fehlt mir aber eben der etwas häufigere Blick auf die Umgebung. Ich will verdörrte Landschaften sehen und gleißende Sonnenstrahlen über Zivilisationsresten (oder wahlweise Bergen, Wäldern,…)!

Bereue ich es also, den Film als einen von zweien Kinobesuchen des letzten Fantasy Filmfests auserkoren zu haben? Eigentlich nicht – und sei es nur aufgrund des sympathischen Regisseurs, der doch eigentlich nur einen Zombiefilm drehen wollte («Nur, damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich will immer noch einen Zombiefilm drehen.»).

Und woher verdammt kenne ich Hannah Herzsprung?

Im Namen des Lexikons

23. August 2011

Im Namen des Lexikons ist ein Buch von Amélie Nothomb. Das heißt, es ist wie alle Bücher von Madame Nothomb: sehr gut zu lesen, aber mit nervigen, bisweilen dämlichen Charakteren, mindestens einem ‹perfekten› Kind, seltsamen Namen und einem unausgegorenen Ende. So oder so ähnlich könnte man es vielleicht zusammen­fassen – aber dann wäre dieser Post ja schrecklich kurz.

Fangen wir also mit einer kurzen Inhaltsangabe an: Auch in der deutschsprachigen Ausgabe von «Robert de Noms propres» geht es um ein Mädchen mit dem – angeblich – seltsamen Vornamen «Plectrude». Da meine Französischkenntnisse allerdings nach der zehnten Klasse angefangen haben, sich rasant zurückzubilden (und es immer noch täten, wenn sie dadurch nicht schon längst im negativen Bereich angelangt wären), kann ich diesen Umstand jedoch nicht recht beurteilen. Glück gehabt, denn eigentlich tut er auch nur wenig zur Sache.

Während sie anfangs noch ein wenig seltsam anmutet, versteht es ihre Geschichte im Verlauf selbiger durchaus, Interesse für sich zu wecken und mitunter sogar, zu unterhalten. Auch, wenn sich hier erneut viele Versatzstücke anderer Nothomb-Werke wiederfinden. So hat sie offensichtlich nicht nur immer noch einen Hang zu ausgefallenen Namen, sie macht diese Tatsache auch noch ungemein gerne zum Thema ihrer Bücher. Selbstverständlich hat auch wieder die personifizierte Perfektion, diesmal in Gestalt der Plectrude höchstselbst, einen Auftritt. Nicht zu vergessen natürlich die dazu gehörige grenzenlose Verehrung durch Mitmenschen (oder -figuren). Und ja, gemordet wird natürlich auch – und das nicht nur einmal. Wer sich für die weiteren vorkommenden nothomb-typischen Themen interessiert, kann ja mal ein anderes ihrer Bücher aufschlagen. Es findet sich bestimmt was.

Kann ich darüber noch ein wenig entrückt hinwegsehen (ich weiß ja, worauf ich mich einlasse – zudem entwickelt der Plot, trotz seiner relativen Austauschbarkeit, in der Mitte plötzlich eine Art sanften Sog – und ich kann auch nicht leugnen, dass mich einige der nothomb-typischen Themen durchaus ansprechen), so muss ich doch sagen, dass das Ende für meinen Geschmack ein wenig zu unausgegoren geworden ist. Die Handlung wirkt ab einem gewissen Punkt plötzlich so, als hätte die Autorin keine Zeit mehr gehabt, ihre Ideen für den weiteren Verlauf vernünftig auszuarbeiten und als wären ihr selbige letztendlich sogar vollkommen ausgegangen. Das ist natürlich umso bedauerlicher, da sie es gerade erst geschafft hatte, Interesse für das Leben der kleinen Plectrude zu wecken.

Aber sei’s drum: Kaum hat man die Verfehlungen der letzten Seiten so richtig bemerkt, ist es auch schon vorbei.

Achso: Bei dem Roman handelt es sich angeblich um ein semi-biografisches Buch der französischen Sängerin RoBERT, die ich jedoch nicht kenne. Vielleicht ist der Ausgang also auch einfach nur eine Anhäufung irgendwelcher Insider, über die sich die beiden insgeheim kaputtlachen. Wer weiß.

Telecomix

28. Mai 2011

Heute hatte ich die Ehre, einem Vortrag des Herrn Urbach über Telecomix im Attraktor beiwohnen zu dürfen. Er fing aufgrund Pizzamangels zwar etwas verspätet an, war dafür aber umso interessanter. Es ging im wesentlichen darum, was Telecomix macht und wie dort gearbeitet wird – aber wieso schreib ich das überhaupt, er ist schließlich auch online verfügbar.

Nun, was macht Telecomix eigentlich? In erster Linie helfen sie bei der Kommunikation. Dafür stellen sie zum Beispiel Infrastruktur zur Verfügung oder helfen ganz einfach dadurch, dass sie Kommunikationsmittel (z.B. für sichere Kommunikation, also bspw. Verschlüsselung oder Darknets) erklären. Gar nicht so einfach, wenn man es mit DAUs Nicht-Techies zu tun hat oder die primären Kommunikationskanäle bereits nicht mehr zur Verfügung stehen, wie Anfang des Jahres in Ägypten.

An dieser Stelle darauf hinweisen tue ich vor allem deshalb, weil ich die Arbeit von Telecomix wichtig und cool finde. Eigentlich kann ich mir zwar nicht vorstellen, dass hier irgendwer liest, der sie noch nicht kennt (eigentlich kann ich mir nicht mal vorstellen, dass hier überhaupt jemand liest) – aber so kann man mir wenigstens nicht vorwerfen, ich hätte es nicht versucht.

P.S. Ich hoffe, ich habe alles soweit richtig dargestellt und – nein, das ist keine Eigenwerbung *g*

After School Nightmare

09. April 2011

Ach, Houkago Hokenshitsu, was soll ich nur von dir halten… aber fangen wir am Anfang woanders an: Letztlich führte ich mir, nachdem der erste Band irgendwie doch Lust auf mehr gemacht hatte, auch die restlichen neun Bände von «After School Nightmare» zu Gemüte. Ließ die Geschichte dabei bereits zu Anfang durchaus mal alberne Elemente aufblitzen, konnte ich diese zugunsten der interessanten Grundidee jedoch noch ignorieren, was sich aber zunehmend schwieriger gestaltete. Der Plot wartet dabei mit immer neuen, teils willkürlich wirkenden Wendungen auf, die immer weiter vom Ursprungskonzept ablenken, so dass die ‹Lösung› des eigentlichen Problems schlussendlich zu einer Randnotiz verkommt, die jegliche Erklärung (oder Andeutung derselbigen) vermissen lässt.

Das ist vor allem deshalb schade, weil eben die Grundidee an sich – vor allem in der dargestellten Weise – ziemlich unverbraucht daherkommt, auch wenn im Grunde von Anfang an klar ist, in welche Richtung sich der Hauptcharakter dabei bewegt. Bliebe ja trotzdem noch eine unterhaltsame Klärung der Situation, welche aber leider im Verlauf der Handlung irgendwo zwischen Pseudo-Inzest und belanglosen Beziehungsproblemen aus dem Shoujo-Baukasten untergeht.

Die tatsächliche Auflösung kommt hingegen zwar relativ unvorhergesehen, dies liegt aber vornehmlich daran, dass sie kaum Bezug zum Inhalt der eigentlichen Geschichte hat. So hat man zwar nicht mit genau dieser Konstellation gerechnet, sie spielt genau genommen aber auch keine Rolle mehr.

Was dem Plot an Überzeugungskraft fehlt, hätte womöglich durch starke Charaktere ausgeglichen werden können, aber auch diese enttäuschen auf lange Sicht. Zwar kann Hauptcharakter Mashiro von Anfang an nicht wirklich überzeugen, wird mit dem Fortschreiten der Story allerdings immer unglaubwürdiger. Kann man anfändliches Fehlverhalten nämlich noch mit mangelnder Selbsterkenntnis entschuldigen, sind spätere Handlungsweisen einfach nur noch unverständlich. Oder mit welcher Argumentation verzeiht man jemandem eine versuchte Vergewaltigung? So blind kann man doch selbst vor Liebe Hormonstau nicht sein.

Ebenfalls schade ist die Art und Weise, in der Nebencharaktere durch die Ereignisse gepeitscht werden. Kaum taucht einer auf, ist die nächste Szene auch schon seine letzte. Verbarg sich hier anfangs noch ein wenig Potential, da sich ein wenig länger mit den Personen beschäftigt wurde und man so auch als Leser Zeit hatte, sich mit ihnen zu befassen und sie um ihrer selbst Willen wahrzunehmen, dienen sie zunehmend nur noch als Handlungswerkzeuge, die den Hauptcharakteren irgendeinen Dienst erweisen.

Hier wäre der laut Autorin Mizushiro ursprünglich geplante Story-Verlauf mitunter vorteilhafter gewesen, der gewisse Figuren bereits früher in die Geschichte integriert und ihnen so womöglich mehr Tiefe verliehen hätte.

Großes Potential hätte meines Erachtens natürlich die Problematik um Mashiro’s Geschlechtsidentität geboten. Abgesehen davon, dass er/sie für mich schon von Anfang an nicht wirklich glaubhaft einen Jungen darstellen konnte, wird, abgesehen von einer kurzen, humoristisch angehauchten Erwähnung innerhalb eines Gesprächs zwischen Kureha und Sou, zum Beispiel auch nie die klischeehafte Vorstellung über Geschlechterrollen, die ihm/ihr offensichtlich anhaftet, adressiert. Die Betrachtung dieser Sichtweise wäre doch aber weitaus interessanter gewesen als die Klärung der Frage, ob Mashiro nun lieber ein Junge oder ein Mädchen sein will (und warum hat das überhaupt damit zu tun, zu welchem Geschlecht er/sie sich sexuell hingezogen fühlt?)!

Auch die Entwicklung der weiteren Hauptakteure Kureha und Sou bleibt größtenteils unglaubwürdig, da kaum ein Übergang von ihrem ursprünglichen, ‹unvollendeten› Selbst zu ihrer späteren, veränderten Form stattfindet. Stattdessen vollführen die beiden mehr oder weniger eine 180°-Drehung und verhalten sich plötzlich ganz anders als zuvor, ohne, dass die Beweggründe zu ihren vormaligen Handlungen (oder die dahinterliegenden Probleme) komplett geklärt würden.

Das Konzept der Serie hätte das Potential zu einer Auseinandersetzung mit herrschenden Geschlechternormen und Hinterfragung von entsprechenden Vorurteilen und Stereotypen gehabt. Heraus kam eine Klischeeschlacht, die zum Fremdschämen einlädt.

Letztendlich bleibt also nur ein etwas fader Nachgeschmack einer an sich interessanten Exposition mit viel Potential, das leider nicht mal ansatzweise ausgeschöpft wurde und deren Ende leider keine wirkliche Lösung anfangs dargelegter Probleme bietet (kathartische Erkenntnisse habe ich ja nun ohnehin nicht erwartet, falls das jemand denken sollte). Ein bisschen was zum Nachdenken bietet es vielleicht dennoch, wenn man sich darauf einlässt – und den größten Teil der Geschichte ignoriert. Selbst die Zeichnungen sind diesmal nicht so hübsch geraten wie aus Tag X gewohnt…

Tatort Zukunft

14. März 2011

An dieser Stelle könnte etwas über Atomkraft stehen. Und obwohl eine Diskussion darüber sicherlich nicht verkehrt ist, liefe es höchstwahrscheinlich ohnehin auf eine Kritik an der Sachlichkeit der momentanen Debatte hinaus, zu der an anderer Stelle schon viel kluges geschrieben wurde, dem ich mich in dem Sinne daher nur kurz anschließe (was im Übrigen nichts an meiner grundsätzlichen Haltung gegenüber Kernkraft ändert).

Kommen wir nun zu etwas vollkommen anderem…

Dieses Wochendende fand eine kleine Veranstaltung zum (groben) Thema «Zukunft» und deren Ausgestaltung statt, an der ich auch teilnahm. Zu einem ausführlichen Bericht wird es wohl nicht reichen, aber ein paar Gedanken möchte ich doch festhalten.

Ich hatte mich – ganz klischeehaft – für das Themengebiet «Medien» gemeldet. In unserer Gruppe wurde dann erst Diskussionsobjekt und die vorhandenen Problematiken etwas erläutert, danach ging es in die Erarbeitung von Standpunkten. Hierfür haben wir zunächst mal aufgeschrieben, wie man es schlimmer machen könnte. Das war zugegebenermaßen ganz witzig, allerdings bin ich persönlich auch nicht der Ansicht, dass man dann durche ine einfache Negativierung der Thesen zu sinnvollen Forderungen kommt. Ein Foto möchte ich euch dennoch nicht vorenthalten:

Wie die Zukunft NICHT aussehen sollte

Wie die Zukunft NICHT aussehen sollte

Wie man sieht (falls man überhaupt was sieht), wir hatten Spaß. Mehr oder weniger.

Bis zu diesem Punkt gab es – zumindest in unserer Abteilung – auch so gut wie keine wirklich kontroversen Diskussionen, obwohl hier ja durchaus unterschiedliche ‹Lager› (ich mag diese Einteilung eigentlich überhaupt nicht) vertreten waren. Andererseits fehlte bei uns wohl der Teil, der anderer Meinung gewesen wäre. Zuerst fand ich das etwas enttäuschend, denn abgesehen davon, dass ich mitunter eine perverse Freude an kontroversen Debatten habe (sonst wäre ich wohl schon durchgedreht), kann man dabei üblicherweise auch immer noch am meisten lernen. Andererseits ermöglicht die mehr oder weniger bewusste ‹Ausklammerung› diskussionswürdiger Themen konstruktiveres Arbeiten, was wiederum auch so einges wert ist. Ändert zwar nichts daran, dass man auch kontroverse Themen ansprechen und letztendlich ausdiskutieren sollte bzw. muss, aber man kann sich dafür ja auch einen passenderen Zeitpunkt aussuchen als ein arbeitsorientiertes Wochenende *g*

Was ich bis dahin selbstverständlich nicht wusste: Am Sonntag würde ich davon noch mehr als genug bekommen. Denn dort ging es im großen Plenum darum, sich die Vorschläge der anderen Teams anzuhören, sie erneut zu diskutieren, gegebenenfalls Verbesserungsvorschläge zu machen und letztendlich darüber abzustimmen.

Hierbei trat dann auch sehr eklatant hervor, was sich bei mir bereits im Vorfeld dezent bemerkbar gemacht hatte. Diese Leute sind einfach vollkommen verrückt! Es wurde sich wirklich ins Zeug gelegt, auch noch das hinterletzte Klischeevorurteil zu bestätigen (okay, ich gestehe, dass diese Formulierung dezent polemisch ist und es nur halb so schlimm war… die Vertreter der Grünen Jugend stellten sich nicht als dauerkiffende Ökos mit Vollbart, Dreads und Sandalen heraus). Ich bin zu schreiben geneigt, ihnen wäre wohl nichts zu albern gewesen – allerdings war es ihnen damit ja durchaus ernst, was überhaupt erst die Traurigkeit der Sache ausmacht.

Zum einen wäre da die konsequente Verschandelung des Sprach- und Schriftbildes durch grammatikalische Fehlkonstruktionen wie das Binnen-I sowie Verweiblichungen mit Unterstrich (kurzes Beispiel: Student_innen). Ja, ich gestehe: Da bin ich empfindlich. Sehr empfindlich. Abgesehen davon, dass sowas einen Text auf die ein oder andere Weise mehr oder weniger unleserlich macht (entweder im Stillen oder beim Vorlesen) ist es schlichtweg unnötig und falsch. Es gibt im Deutschen generische Formen – das meistbekannte hierbei das generische Maskulinum, aber auch generisches Femininum und Neutrum. Diese existieren meines Erachtens aus gutem Grund: Es ist einfach umständlich, Texte mit diesen offensichtlich künstlichen Einschüben halbwegs vernünftig zu lesen (von der gesprochenen Sprache mal ganz abgesehen); außerdem werden nahezu zwangsweise Leute außen vor gelassen – da kann auch ein Unterstrich nicht wirklich helfen. Aber näher will ich auf dieses Thema eigentlich gar nicht eingehen, sonst reg ich mich bloß wieder unnötig auf (abgesehen davon haben das andere schon besser gemacht).

Ein eng damit verknüpfter Aspekt ist natürlich auch die Forderung nach Quoten an jeder Ecke. Rednerliste nach Meldereihenfolge? Unsinn! Da spielt das Geschlecht womöglich ja überhaupt keine Rolle bei. Und das geht schließlich GAR nicht… bei anderen Jugendorganisationen scheint es – so zumindest mein Eindruck – die Pflicht aller Mitglieder zu sein, einander möglichst oft an die eigenen (womöglich unterschiedlichen) Geschlechter zu erinnern. Damit einhergehend selbstverständlich auch die Tatsache, dass man Gleichberechtigung/-stellung/-kekse prinzipiell erzwingen muss, denn es haben ja ohnehin alle unterschwellige Vorurteile, durch die dann letztendlich Frauen Menschen benachteiligt werden. Letzterem würde ich nicht mal per se widersprechen wollen – die Frage ist nur, ob die Überbetonung der unterschiedlichen (auf die binäre Ausprägung beschränkten) Geschlechter und damit einhergehende Ungleichbehandlung aufgrund selbiger die Lösung sein kann. Die Fragen, die sich mir dabei immer stellen: Kann (oder sollte oder will) man Gleichberechtigung durch Ungleichbehandlung erreichen? Kann (oder sollte oder will) man die Losgelöstheit vom biologischen Geschlecht durch eine Überbetonung desselbigen auch in Bereichen, in denen dieses überhaupt nichts zur Sache tut (also den meisten), erreichen? Ehrlich gesagt macht dieses Verhalten auf mich irgendwo den Eindruck, eventuell unterschwellig vorhandene diskriminierende Handlungsweisen dadurch zu bekämpfen, indem man diskriminierende Handlungsweisen erzwingt – da weiß man dann wenigstens, woran man ist?

Nun ja. Dies führte dann auch zu einigen – meiner Meinung nach – absurden Forderungen, die ich hier aufgrund anhaltender Faulheit nicht wiedergeben werde. Aber ihr findet sie sicherlich später irgendwo im Netz.

Wurde denn auch noch etwas anderes beschlossen? Zum Glück ja. Einiges davon ist vieles nichts neues, und wurde so oder ähnlich schon mal an anderer Stelle gefordert oder steht sicherlich auch bereits in einigen Wahl- oder Parteiprogrammen (zumindest ein oder zwei Piratenstandpunkte sind vertreten), manches ist zumindest ein bisschen provokant, manches immer noch unsinnig, aber hey – wenigstens muss ich mich nicht als Teil dieser Gruppe fühlen, oder (Kommentar nach späterem, erneutem Lesen dieses Abschnitts: gegen Arroganz kann man was tun – schreib dich nicht ab)?

Obwohl ich nicht jeden Punkt des Dokuments ablehne, sondern vielen auch oder zumindest im Großteil zustimme, konnte ich ihm dann schlussendlich aber nicht in seiner Gänze zustimmen. Zwar stecken da wirklich einige für mich ungangbare Klopper drin, aber letztendlich habe ich mich dann doch nur enthalten, wenngleich sich eine Ablehnung im Nachhinein wohl besser anfühlen würde.

Letztendlich wurde von den Organisatoren unsere sachliche Zusammenarbeit gelobt, wobei ich diese persönlich nicht durchgehend, aber doch überwiegend bestätigen kann. Einige Male kam es zu polemischen oder anderweitig ausartenden Diskussionen, allerdings halte ich das für fast unvermeidlich, selbst wenn in den Grundsätzen alle einer Meinung sind.

Etwas schade war meiner Ansicht nach auch, dass für viele Sachen keine wirkliche Zeit blieb. Einerseits kann man zwar sagen, dass Grundsatzdiskussionen im Allgemeinen wenig bringen, da die Meinungen für gewöhnlich sowieso feststehen – und da ist sicherlich auch viel wahres dran – andererseits bin zumindest ich auch dorthin gegangen, um selbst noch etwas dazuzulernen. Und für mich persönliche finde ich es durchaus bereichernd, so eine Diskussion zu führen. Natürlich hängt das auch vom Diskussionspartner ab – aber je nachdem ist es dabei durchaus möglich, auf zuvor noch nicht gehörte Argumente zu stoßen (und die eigene Sichtweise dann eventuell anzupassen) oder schlichtweg die eigene Position zu stärken und die Beweggründe nochmal mit der Realität abzugleichen. Solange man eine Debatte nicht als ‹Wettbewerb› auffasst, den es zu gewinnen gilt, kann man dabei eigentlich fast nur gewinnen – oder zumindest Spaß haben… vorausgesetzt, der/die Gesprächspartner sieht/sehen das zumindest ähnlich.

P.S. Irgendwie ist es mir gelungen, diesen Text zu schreiben, ohne in Lobhudeleien für die JuPis auszubrechen. Bin ich jetzt cool?

Ethik & Empathie

18. Januar 2011

Seit ich mich mit dem Thema befasse – und im Grunde auch vorher schon – ist mir aufgefallen, dass viele das Nichttöten (und Nichtquälen) von (nichtmenschlichen) Tieren mit Empathie begründen. So passend sie für diese Individuen auch sein mag – sie will mir nicht gefallen. Meines Erachtens ist Mitgefühl weder eine Notwendigkeit noch ein Garant für Moral.

Vielleicht bin ich damit alleine, aber meines Erachtens sollten ethische Fragestellung in gewissem Sinne rational und nicht emotional beantwortet werden können. Denn Gefühle sind letztendlich immer willkürlich – und auf Willkür sollte man Werte, die ja oft auch einen gewissen Anspruch auf Allgemeingültigkeit (wenn dieser auch nie absolut sein kann) haben, nicht begründen. Vielmehr sollten sie sich logisch aus gewissen Grundannahmen schlussfolgern lassen. Natürlich kann eine Ethik niemals allen Personen gerecht werden… irgendwer wird es immer anders sehen. Aber mit einem einfachen «ich empfinde das eben so» möchte ich mich auch nicht zufrieden geben.

Ich nehme an der Stelle einfach mal mich selbst als Beispiel, werde aber später auch noch mal allgemein auf die Fragestellung eingehen. Das erste Mal mit Vegetarismus in Kontakt kam ich im Kindergarten. Als Begründung wurde hier, wie so oft, angeführt, die Tiere täten der entsprechenden Person eben Leid. Was an sich natürlich alles andere als verwerflich und sicherlich auch ein guter (persönlicher) Grund ist, sie nicht zu verzehren oder anderweitig an ihrer Tötung mitzuwirken. Es ist aber aus meiner Sicht kein Argument für Vegetarismus (oder Veganismus oder irgendwas anderes). Mir taten sie nämlich nicht Leid. Und das tun sie auch heute nicht. Genauso wenig, wie mir die oft herangezogenen (ver)hungernden Kinder in Drittweltländern leidtun. Aber müssen sie das, damit ich ihre Situation verurteile(n kann)? Damit ich ihr Leid anerkennen kann? Damit ich Verbesserungen für notwendig halten kann? Ich denke nicht.

Nur, damit mich keiner falsch versteht: Stünde ich einem solchen Kind gegenüber, täte es mir womöglich tatsächlich Leid. Ich weiß es nicht. Aber das spielt keine Rolle. Wenn ich jetzt daran denke, dass tagtäglich unzählige Kinder verhungern, empfinde ich dabei keine Trauer und auch kein Mitgefühl. Ich sehe es als schlecht an, ja. Aber Mitgefühl? Nein.

Außerdem könnte man sicher leicht Praktiken wie zum Beispiel die Todesstrafe rechtfertigen, wenn man als Gegenargument lediglich Mitgefühl ins Feld führt. Zumindest kann ich mir vorstellen, dass viele Leute kein Mitleid mit Mördern oder Kinderschändern hätten. Ich allerdings muss für mich sagen, dass ich die Todesstrafe ablehne.

Worauf kann man dann die Rücksichtnahme auf andere Lebewesen (und seien es auch ‹nur› Menschen) begründen? Ich möchte es mit Logik probieren.

Meine Grundannahme dafür ist, dass jedes Lebewesen erstmal frei und gleichwertig ist. Das heißt, es ist niemandem gegenüber verpflichtet und kann – sofern niemand anders dadurch beeinflusst wird – tun und lassen, was es will. Und zwar schlicht aus dem Grund, dass es selbst auch das einzige ist, das die Konsequenzen aus dieser Handlung zu tragen hat. Sobald jemand anderes diese ebenfalls zu tragen hat, muss er mindestens in die Entscheidung mit einbezogen werden.

Weiterhin zählt es auch nicht mehr oder weniger als irgendein anderes, denn wer könnte letztendlich beurteilen, was mehr und was weniger wert wäre und auf welcher Grundlage? Absolute Objektivität existiert ja bekanntermaßen sowieso nicht, also ist es auch nutzlos, sich der Illusion hinzugeben, sie täte es.

Wenn man dies beides akzeptiert, stellt sich die Frage, unter welchen Umständen man das ‹Recht› hätte, eine andere Kreatur zu töten. Da beide gleich viel wert sind, drängt sich eine Situation auf, in der es um Leben und Tod geht – und in der einer von beiden sterben muss, damit der andere überleben kann. Nun kann man einerseits argumentieren, dass es in diesem Fall am gerechtesten wäre, derjenige stürbe, der nur durch das aktive Töten des anderen überleben könne, da dieser, der ja ohne jegliche Veränderung der Situation sein Leben behielte, dadurch vielleicht eher ein Recht darauf hätte (gesetzt dem Fall, es müsste überhaupt nur einer von beiden töten).

Andererseits könnte man diese Art des Egoismus auch gewissermaßen verzeihen (unter der Prämisse, in so einer Situation handelte jeder so oder einfach dadurch, dass das Interesse am eigenen Überleben dies rechtfertige). Oder auch nicht. Damit will ich mich momentan gar nicht näher befassen, da diese Situation im Grunde nichts mit der Fragestellung zu tun hat – sie trifft jedoch in Bezug auf Pflanzen zu (ohne deren Konsum der Mensch ja letztendlich nicht überleben kann), da kann sich an dieser Stelle jeder seine eigene Meinung zu bilden.

Ist aber diese Voraussetzung, dass es um das eigene Überleben geht, nicht mehr gegeben, stellt sich die gleiche Frage erneut: Warum töten? Vor allem: Warum töten, wenn es nicht nötig ist? Es gibt keinen überlebenswichtigen Grund dazu – dementsprechend keinen für einen selbst wirklich essentiellen. Für die Gegenseite allerdings ist diese Frage allesentscheidend. Sie hat dort also einen sehr hohen Stellenwert, während der ‹Nachteil› auf unserer Seite letztendlich zu vernachlässigen wäre, stellt er doch lediglich den Verlust der Befriedigung oberflächlicher Gelüste dar.

Sind die Interessen desjenigen, um dessen Leben es dabei immerhin geht, in dem Fall nicht höher zu bewerten? Egal, ob man ihn mag oder nicht?