Dogville ist ein interessanter Film. Nicht unbedingt im Sinne von ‹fesselnd› – tatsächlich fand ich ihn stellenweise sogar recht anstrengend, und er ist auch nicht grade kurz (oder flott erzählt). Umso faszinierender ist dafür das Ende, dem ich mich auch direkt widmen will (in diesem Sinne also Spoiler-Alarm für den restlichen Post und wer eine Inhaltsangabe oder allgemeine Meinungen zum Film haben will, findet diese an anderer Stelle).
Warum gefällt mir das Ende also? Einerseits birgt es natürlich eine gewisse Genugtuung, denn letztendlich sind die Dorfbewohner nichts als dumme Arschlöcher, denen wohl jeder gerne mal die Fresse polieren würde. Das allein macht es aber nicht aus. Auch nicht die Tatsache, dass ich nicht unbedingt damit gerechnet habe. Es ist vielmehr der Konflikt der Situation an sich.
Einerseits zeigt der Ausgang, dass auch Grace letztendlich ‹nur› ein Mensch ist – und menschlich handelt. Kein Gutmensch, kein Übermensch. Keine Belldandy, die auch dem größten Deppen noch Mitleid und Verständnis entgegen bringt (verzeiht, aber dieser Charakter kommt mir in solchen Zusammnhängen immer als erstes in den Sinn… sie ist einfach viel zu nett; ich könnte sie köpfen!).
Während hier also ihre eigene moralische Imperfektion dargelegt wird, werden gleichzeitig ethische Standards verlangt. Wie ihr Vater direkt vorher bemerkt, vergibt Grace zuvor deshalb, weil sie andere nicht an ihren eigenen Werten misst: Sie selbst hätte nicht so wie die Dorfbewohner gehandelt. Sie gesteht hiermit also zweierlei ‹Fehler› ein. Erstens, dass – unter gewissen Voraussetzungen – jeder auf diese Weise hätte gehandelt haben können, was wiederum den freien Willen unterminiert. Zweitens, die Annahme, dass die Menschen von sich aus ihre Fehler eingestehen und verantwortungsbewusst gehandelt hätten, denn das haben sie nicht – sich selbst überlassen, ohne die Gefahr der Bestrafung (von außen oder durch Grace selbst), haben sie nur ihren eigenen Vorteil gesehen.
Aber dies ist auch interessant: Sind Gesetze oder andere äußere Kontrollen notwendig, um ethisches Verhalten zu gewährleisten? Ist es dann überhaupt noch Moral, wenn es von außen oktroyiert wird?
Die komplette Szene sagt sowohl etwas über den Charakter Grace, die menschliche Natur (so diese denn in ihrer Generalität existiert) sowie den Zuschauer selbst aus. Grace selbst wird, wie schon erwähnt, ‹vermenschlicht› – sie verliert ihre Barmherzigkeit, ihre endlose Güte, mit der sie die Menschen, denen sie nie etwas böses wollte, doch nicht erreichen konnte. In jedem Menschen steckt also ein (moralischer) ‹Makels› – nicht unbedingt etwas böses (ich mag diese Schwarz/Weiß-Malerei nicht unbedingt), denn ich denke, unter den gegebenen Umständen ist ihr Verhalten zumindest teilweise verständlich – aber doch etwas, das dem immerguten, engelhaften entgegen steht. Zudem wirft es natürlich die Frage der Macht auf, denn Grace verliert ihre Gnade, als sie selbst in die machthabende Position kommt und nutzt diese zum Nachteil der Schwächeren.
Ist sie also genauso wie die Einwohner Dogvilles, weil sie ihre Macht ebenso gegen sie einsetzt wie diese es zuvor taten oder steht sie dennoch abseits von ihnen, da sie dies nicht völlig ohne Grund und letztendlich im Namen der Moral tut?
Was es letztendlich über den Zuschauer selbst aussagt, liegt natürlich an ihm… empfindet er Genugtuung beim Massaker der Dorfbewohner? Empfindet er es als gerechte Strafe? Hätte er eventuell sogar genauso gehandelt? Was erwartet er in der Situation von Grace – und hätte er im Zweifelsfall genauso gehandelt?
So passend ich sie selbst empfand, sind Grace’ Handlungen also gerechtfertigt? Natürlich nicht. Aber meines Erachtens geht es darum auch gar nicht. Sicherlich hätte sie, realistisch betrachtet, weder alle töten noch zurück nach Dogville gemusst. Aber dann hätte der Film nicht funktioniert. Genauso, wie er nicht funktioniert hätte, wäre sie bis zum Ende hin ‹gut› geblieben.
Auch ist es aus meiner Sicht eher unerheblich, dass sie auch das Baby erschießen lässt. Offensichtlich hat dies objektiv gesehen nichts falsches gemacht (machen können) – aber es ist ein Mensch, aufgezogen von den Dorfbewohnern. Filmisch betrachtet ist es ein Einwohner Dogvilles (allein durch das Setting wird meiner Auffassung nach unterstrichen, dass es sich hierbei um eine Parabel und nicht um eine realistische Darstellung handelt).
Der Hund hingegen bleibt am Leben: er ist ‹unschuldig›. Warum ist der Hund unschuldig und das Kind nicht? Zunächst einmal ist er kein Mensch. Traditionell betrachtet sind andere Tiere – zumindest aus unserer Sicht – nicht zu moralischen Betrachtungen oder gar Handlungen fähig. Wir wissen nicht mal, ob sie eine Wahl haben (während dies von Menschen hingegen zumindest angenommen wird). Auch hat er Grace natürlich nicht ausgenutzt – im Gegenteil, sie hat ihm ja den Knochen gestohlen. Er wäre also, von unseren Standards aus betrachtet, überhaupt der einzige gewesen, der einen Grund gehabt hätte, Groll gegen Grace zu hegen.
Und: Wissen die Menschen in Dogville, was sie tun? Verstehen sie, dass ihre Handlungen moralisch nicht zu rechtfertigen sind? Wenn nein, sollte man ihnen dann vergeben? Woran macht man überhaupt fest, ob sie ihr Verhalten moralisch einordnen können, ob sie ein ethisches Verständnis haben? Hat Grace ihre Situation selbst nicht dadurch verschlimmert, dass sie ihnen nie wirklich etwas entgegen gesetzt hat? Dass sie ihnen alles vergab und darauf vertraute, dass in ihnen (auch) Gutes steckt? Dass sie ihre Fehler selbst einsähen? Und sind die Gangster wirklich schlimmer als die ‹gewöhnlichen› Menschen, weil sie sich ihrer moralischen Fragwürdigkeit offensichtlich bewusst sind, sogar ganz offen dazu stehen? Wer gehört hier eigentlich nicht zu den Bösen?
Diese Fragen kann natürlich jeder für sich beantworten und ich behaupte nicht, die Antworten zu kennen. Aber ich denke, Menschen sind durchaus zu moralischen Betrachtungen fähig – unabhängig davon, wie ausgeprägt ihre ethische Erziehung war oder nicht (es wird ja im Film erwähnt, dass im Dorf kein Prediger vorhanden ist, der wohl dafür zuständig gewesen wäre). Man kann – und sollte – sich in solchen Fragen nicht auf äußere Autoritäten verlassen (müssen). Auch nicht im Film.
Gilt das auch für die Kinder? Aber sicher. Mir widerstrebt diese Darstellung der «unschuldigen» Kinder sowieso. Seit wann sind Kinder unschuldig? Meiner Erfahrung nach sind das die gemeinsten Menschen überhaupt. Und das nicht ausschließlich, weil sie es nicht verstehen. Herrje, auch Kinder können doch denken! Und ich halte es für offensichtlicht, dass zumindest die aus «Dogville» schon (im Groben) verstanden haben, was sie da tun bzw. dass es nicht eben ‹nett› ist. Die einzige Ausnahme, die ich an dieser Stelle machen mag, ist Achilles.
Auch kann ich nicht verstehen, wie einige behaupten, Grace sei selbst an ihrer misslichen Lage schuld. Sicherlich, sie hat sich einiges gefallen lassen. Dennoch ist – zumindest bei mir – nie der Eindruck entstanden, es könne ihr gefallen oder wenigstens nichts ausmachen. Sie hat doch in den meisten Szenen recht deutlich gemacht, dass sie nicht einverstanden mit dem Verhalten der Bürger war (beispielsweise bat sie Chuck, wenn auch auf eine in Anbetracht der Situation überaus freundliche Weise, flehentlich darum, sie in Ruhe zu lassen und auch später, im Gespräch in der Kirche, auch wenn dieses selbst nicht gezeigt wird, versucht sie, die Leute zumindest zum Nachdenken zu bringen).
Überhaupt ist Verantwortung ein Thema. Die Leute aus Dogville übernehmen diese nicht, sondern schieben sie auf andere (Grace wird fortlaufend beschuldigt, die Leute zu ihrem Verhalten ermutigt zu haben oder dergleichen). Tom übernimmt sie nicht – er schiebt jegliche Schuld Grace in die Schuhe (für den Diebstahl des Geldes seines Vaters etc.), ersinnt bis zum Ende hin windige Ausflüchte, warum sein Verhalten gerechtfertigt wäre, da er sich selbst für moralisch überlegen hält (gleichzeitig aber wohl erkennt/nicht wahrhaben will, dass er es nicht ist).
Und Grace will sie ihnen auch gar nicht aufbürden – zunächst. Fortwährend findet sie Entschuldigungen und Ausflüchte für die Menschen, redet sich ein, sie hätte womöglich genauso gehandelt. Ironischerweise bestätigt sie dies letztendlich sogar teilweise, indem sie sie auf unmoralische Weise zur Verantwortung zieht. Ist es gerechtfertigt, Gerechtigkeit durch Ungerechtigkeit zu erlangen?
Allerdings gibt es natürlich nicht nur Rache und Vergebung. In der Realität muss der Vericht auf Rache nicht zwangsläufig Absolution bedeuten.
Ist es deshalb falsch, von anderen weniger zu verlangen als von einem selbst? Also quasi einen anderen Maßstab anzulegen?
Generell ist es natürlich eher weniger wünschenswert, da nicht integer und somit potentiell willkürlich, mit zweierlei Maß zu messen. Andererseits tut man auf diese spezielle Weise weniger anderen als sich selbst Unrecht. Zumindest moralisch gesehen bestünde hier meines Erachtens also weniger ein Problem. Zudem muss man bedenken, dass Ethik niemals allumfassend ist. Wer bestimmt, was richtig und falsch ist? Letztendlich immer Individuen mit subjektiven Betrachtungsweisen. Darf ich also über andere urteilen? Darf ich meine moralischen Maßstäbe an andere anlegen – auch, wenn ich damit mitunter ihre Freiheit einschränke? Kann ich andere überhaupt adäquat beurteilen, obwohl ich sie niemals in ihrer Gänze erfassen kann (im Gegensatz zu mir selbst)?
Oder ist es tatsächlich, wie Grace’ Vater behauptet, arrogant, anzunehmen, andere würden den eigenen Maßstäben nicht gerecht werden? Könnten ihnen eventuell gar nicht gerecht werden? Erhebt man sich damit nicht sogar prinzipiell über sie (ob nun auf intellektueller oder anderer Ebene)? Oder, wie hier formuliert: Wie viel kann/darf/sollte man anderen vergeben, das man sich selbst nicht vergeben könnte?
Vielleicht ist es ein bisschen von beidem. Vielleicht ist es genau diese Fragestellung, die den Ausgang interessant macht.
Hat mich übrigens ein wenig an Brecht’s Der gute Mensch von Sezuan erinnert.






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