Das Release von LittleBigPlanet verschiebt sich also, weil Sony noch schnell ein paar Koranverse aus der Hintergrundmusik eines Levels entfernen muss, die vorher niemandem aufgefallen sind. Soll ich mich darüber jetzt aufregen? Ist das nicht sowieso vollkommen müßig?
Ja und ja. Natürlich ist es müßig, sich mal wieder über das gleiche Thema auszulassen… aber deswegen lassen kann ich’s eben auch nicht.
Während einige Leute sich schon darüber aufregen, dass sich überhaupt jemand aufregt, rege ich mich noch über die eigentliche Tatsache auf, nämlich, dass Sony aus mir völlig unverständlichen Gründen eine ganze Produktion einstampft und noch mal neu macht. Wegen eines Liedtextes.
Man kann sich nun natürlich zunächstmal fragen, warum Sony das überhaupt macht (obwohl das im Hinblick auf die sonstige Geschäftspolitik von Sony selstsam und vielleicht sogar abwegig erscheinen mag, da man dort ja ohnehin nicht sehr oft den Eindruck erweckt, sich sonderlich große Gedanken zu machen… zumindest nicht bei mir). Aus wirtschaftlichen Gründen? Hm. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber irgendwie glaube ich nicht, dass der Markt LittleBigPlanets aus vielen muslimische Länder besteht. Aber - wie gesagt - ich könnte mich irren.
Ein anderer grund wäre eine Art vorauseilender Gehorsam - jemand könnte sich durch die Verwendung der Koran-Ausschnitte auf die Füße getreten fühlen, einen medialen Aufstand erzeugen und SOny damit in ein schlechtes Licht rücken. Im schlimmsten Fall könnte es eventuell sogar ähnliche Reaktionen hervorrufen wie anno dazumal gewisse Karikaturen eines «Propheten» (Achtung, hypothetische Situation). Bei den Medien heutzutage könnte ich mir sowas shcon vorstellen, auch wenn ich das jetzt mal nicht pauschal unterstellen will.
Ein dritter Grund könnte ganz einfach das unwillkürlich generierte Medienecho sein. Zutrauen würde ich Sony sowas zwar, andererseits lohnt es ob der Lieferverzögerung und weiterer anfallender Kosten vermutlich eher nicht.
Was nun letztendlich der tatsächliche Grund sein mag - ob einer oder mehrere der gemutmaßten oder aber auch (ein) völlig andere(r) - kann und muss sich jeder selbst denken. Ist aber auch erstmal nicht so wichtig.
Viel wichtiger ist: Es ist passiert. Man mag meine Einstellung diesbezüglich für übertrieben halten - und viele tun das sicher - aber für mich steht das in etwa auf dem gleichen Level wie das Entfernen ‹bedenklicher› Szenen aus Spielen mit (z.B.) gewalttätigen oder sexuellen Inhalten, weil das ganze sonst eine zu hohe Alterseinstufung bekommen könnte oder würde. Freiwillige Zensur zugunsten des Profits also (auch wenn ich irgendwie bezweifle, dass durch irgendwelche Verse aus Koransuren ein großer kommerzieller Verlust entstanden wäre; vermutlich hätte es erstmal kaum einer gemerkt und hier im Westen hätte es, falls doch, wahrscheinlich sowieso nur recht wenige gestört).
Irgendwie ist das für mich deshalb bedenklich, weil die dahinterstehende Einstellung mir einfach nicht in den Kopf will. Zählt das Weltbild einer Gruppe mehr als die Entscheidungsfreiheit aller? Muss dem Individuum wirklich der Zugang zu etwas verwehrt werden, bloß, weil es einer bestimmten Gruppe Menschen nicht in den Kram passt? Reicht es nicht, dass diejenigen, die etwas für anstößig halten, es einfach meiden, anstatt ihre Weltsicht auf alle anderen Menschen auszuweiten?
Solange etwas niemandem physischen Schaden zufügt oder sich anderweitig negativ auf Einzelpersonen auswirkt (Beleidigung, Diffamierung etc.) - welcher Grund besteht dann, es zu zensieren, bloß, weil es irgendjemandem nicht gefällt oder nicht gefallen könnte? Weil es in irgendeiner Kultur ungern gesehen ist, nicht toleriert wird, als unschicklich gilt?
Sicherlich teilt diese Weltsicht auch nicht jeder, aber für mich ist Freiheit letztendlich das höchste Gut. Alles, was mich und nur mich betrifft (von dem also nur ich selbst auch die Konsequenzen tragen muss), darf ich selbst bestimmen. Jeder darf tun, was er will, solange es nicht die Freiheit eines anderen einschränkt. Sofern ich also die Möglichkeit habe, mich einer mir nicht gefallenden Sache zu entziehen, so sollte ich das tun - dies rechtfertigt jedoch nicht, diese Sache allen anderen Menschen auf der Welt vorzuenthalten oder unzugänglich zu machen. Schließlich gilt meine Ansicht, mein Geschmack und meine Moral nicht für sie.
Es ist doch so: Objektivität existiert nicht. Niemand kann wissen, was ‹richtig› oder ‹falsch› ist; diese Werte existieren nur imaginär. Habe ich also das Recht, zu bestimmen, was ein anderer für richtig und falsch zu halten hat? Eigentlich nicht. Darf ich ihm daraus abgeleitete Verhaltensregeln aufzwingen? Auch nicht.
Die einzige Einschränkung dazu wäre aus Vernunftgründen meines Erachtens die, bei denen andere zu Schaden kommen, das heißt ihre Freiheit wiederum durch die Freiheitsausübung eines anderen eingeschränkt wird. Sobald also noch jemand anderes die Konsequenzen meines Handelns (mit)tragen müsste, darf nicht mehr ich allein darüber bestimmen, sondern alle, die betroffen sind. Bin ich selbst keiner von ihnen, darf ich sogar gar nicht mehr bestimmen. Ist das etwa unlogisch?
Ich merke grad, ich bin ein wenig vom Thema abgekommen. Also noch einmal ganz kurz: Warum muss ständig auf jeden und alles Rücksicht genommen werden? Wenn die Menschen nur verschieden genug sind, schränkt dieses verhalten auf lange sicht dann nicht das Kollektiv immer mehr ein, weil jeder etwas anderes für anstößig hält? Wäre nicht mehr Toleranz unter Umständen sinnvoller?
Und mti Toleranz meine ich, das verhalten anderer zu tolerieren, auch wenn es einem nicht schmeckt. Nicht, das eigene verhalten zu verändern, weil es irgendwem nicht passt. Das hat für mich mit Toleranz nichts zu tun; eher mit Unterwürfigkeit.
(Nachtrag: Nicht, dass mich jetzt doch jemand falsch versteht… ch kann natürlich zwischen extremer zensur und Freiheitseinschränkung und dem handeln Sonys durchaus noch unterscheiden. Zudem ist mir selbstverständlich klar, dass ein Unternehmen zunächstmal sowieso nur aufgrund von Profit und Gewinnmaximierung handelt und Ideale dabei keine oder zumindest kaum eine Rolle spielen. Trotzdem gefällt mir das Verhalten - und die Auswirkungen auf mich als Konsumenten - dadurch nicht besser.)





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