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Themenarchiv: Manga

After School Nightmare

09. April 2011

Ach, Houkago Hokenshitsu, was soll ich nur von dir halten… aber fangen wir am Anfang woanders an: Letztlich führte ich mir, nachdem der erste Band irgendwie doch Lust auf mehr gemacht hatte, auch die restlichen neun Bände von «After School Nightmare» zu Gemüte. Ließ die Geschichte dabei bereits zu Anfang durchaus mal alberne Elemente aufblitzen, konnte ich diese zugunsten der interessanten Grundidee jedoch noch ignorieren, was sich aber zunehmend schwieriger gestaltete. Der Plot wartet dabei mit immer neuen, teils willkürlich wirkenden Wendungen auf, die immer weiter vom Ursprungskonzept ablenken, so dass die ‹Lösung› des eigentlichen Problems schlussendlich zu einer Randnotiz verkommt, die jegliche Erklärung (oder Andeutung derselbigen) vermissen lässt.

Das ist vor allem deshalb schade, weil eben die Grundidee an sich – vor allem in der dargestellten Weise – ziemlich unverbraucht daherkommt, auch wenn im Grunde von Anfang an klar ist, in welche Richtung sich der Hauptcharakter dabei bewegt. Bliebe ja trotzdem noch eine unterhaltsame Klärung der Situation, welche aber leider im Verlauf der Handlung irgendwo zwischen Pseudo-Inzest und belanglosen Beziehungsproblemen aus dem Shoujo-Baukasten untergeht.

Die tatsächliche Auflösung kommt hingegen zwar relativ unvorhergesehen, dies liegt aber vornehmlich daran, dass sie kaum Bezug zum Inhalt der eigentlichen Geschichte hat. So hat man zwar nicht mit genau dieser Konstellation gerechnet, sie spielt genau genommen aber auch keine Rolle mehr.

Was dem Plot an Überzeugungskraft fehlt, hätte womöglich durch starke Charaktere ausgeglichen werden können, aber auch diese enttäuschen auf lange Sicht. Zwar kann Hauptcharakter Mashiro von Anfang an nicht wirklich überzeugen, wird mit dem Fortschreiten der Story allerdings immer unglaubwürdiger. Kann man anfändliches Fehlverhalten nämlich noch mit mangelnder Selbsterkenntnis entschuldigen, sind spätere Handlungsweisen einfach nur noch unverständlich. Oder mit welcher Argumentation verzeiht man jemandem eine versuchte Vergewaltigung? So blind kann man doch selbst vor Liebe Hormonstau nicht sein.

Ebenfalls schade ist die Art und Weise, in der Nebencharaktere durch die Ereignisse gepeitscht werden. Kaum taucht einer auf, ist die nächste Szene auch schon seine letzte. Verbarg sich hier anfangs noch ein wenig Potential, da sich ein wenig länger mit den Personen beschäftigt wurde und man so auch als Leser Zeit hatte, sich mit ihnen zu befassen und sie um ihrer selbst Willen wahrzunehmen, dienen sie zunehmend nur noch als Handlungswerkzeuge, die den Hauptcharakteren irgendeinen Dienst erweisen.

Hier wäre der laut Autorin Mizushiro ursprünglich geplante Story-Verlauf mitunter vorteilhafter gewesen, der gewisse Figuren bereits früher in die Geschichte integriert und ihnen so womöglich mehr Tiefe verliehen hätte.

Großes Potential hätte meines Erachtens natürlich die Problematik um Mashiro’s Geschlechtsidentität geboten. Abgesehen davon, dass er/sie für mich schon von Anfang an nicht wirklich glaubhaft einen Jungen darstellen konnte, wird, abgesehen von einer kurzen, humoristisch angehauchten Erwähnung innerhalb eines Gesprächs zwischen Kureha und Sou, zum Beispiel auch nie die klischeehafte Vorstellung über Geschlechterrollen, die ihm/ihr offensichtlich anhaftet, adressiert. Die Betrachtung dieser Sichtweise wäre doch aber weitaus interessanter gewesen als die Klärung der Frage, ob Mashiro nun lieber ein Junge oder ein Mädchen sein will (und warum hat das überhaupt damit zu tun, zu welchem Geschlecht er/sie sich sexuell hingezogen fühlt?)!

Auch die Entwicklung der weiteren Hauptakteure Kureha und Sou bleibt größtenteils unglaubwürdig, da kaum ein Übergang von ihrem ursprünglichen, ‹unvollendeten› Selbst zu ihrer späteren, veränderten Form stattfindet. Stattdessen vollführen die beiden mehr oder weniger eine 180°-Drehung und verhalten sich plötzlich ganz anders als zuvor, ohne, dass die Beweggründe zu ihren vormaligen Handlungen (oder die dahinterliegenden Probleme) komplett geklärt würden.

Das Konzept der Serie hätte das Potential zu einer Auseinandersetzung mit herrschenden Geschlechternormen und Hinterfragung von entsprechenden Vorurteilen und Stereotypen gehabt. Heraus kam eine Klischeeschlacht, die zum Fremdschämen einlädt.

Letztendlich bleibt also nur ein etwas fader Nachgeschmack einer an sich interessanten Exposition mit viel Potential, das leider nicht mal ansatzweise ausgeschöpft wurde und deren Ende leider keine wirkliche Lösung anfangs dargelegter Probleme bietet (kathartische Erkenntnisse habe ich ja nun ohnehin nicht erwartet, falls das jemand denken sollte). Ein bisschen was zum Nachdenken bietet es vielleicht dennoch, wenn man sich darauf einlässt – und den größten Teil der Geschichte ignoriert. Selbst die Zeichnungen sind diesmal nicht so hübsch geraten wie aus Tag X gewohnt…